Es war ein grausamer Winter. Es war furchtbar, es war Chaos, ein heilloses Durcheinander, es war kaum auszuhalten. Zumindest nicht als Bahnfahrer.
Es sind -10 Grad in Dortmund, und in Bochum auch, wie ich später leidvoll feststellen werde. Ich habe 90 Minuten um zur Messe Essen zu kommen. Das sind 60 Minuten mehr als benötigt. Und trotzdem werde ich zu spät kommen.
Dass ein Regionalexpress nur bei Sonnenschein und milden Temperaturen seine Strecke anstandslos fährt, damit habe ich mich bereits abgefunden. Da kann man sich dann ja drauf einstellen. Ich setze mich also beherzt in die SBahn, denn die ist in diesem Frost ein Wunder der Technik und fährt beispiellos über die vereisten Gleise. In Bochum findet die Fahrt dennoch ein jähes Ende. Durch die laute Musik die aus meinen Kopfhörern kommt, dringt nur brummend die Stimme des Lokführers über den Lautsprecher. Missmutig unterbreche ich mein Frühstück und verstehe noch so viel, dass irgendwo im ersten Waggon eine unbekleidete Frau im Sterben liegt. (Es folgt ein verzweifelter Aufruf, ein Arzt oder eine russisch oder polnisch sprechende Person möge doch nach vorne eilen, ein russisch oder polnisch sprechender Arzt wäre Jackpot.)
Wir werden gebeten auf den verspäteten Zug zwei Gleise weiter umzusteigen. Da der aber verspätet ist, warten ich und andere schlecht gelaunte und halb erfrorene Menschen 30 Minuten. Es halten und es fahren zwei ICEs ab, wir dürfen nicht einsteigen. Der Bahnmitarbeiter, der in einem warmen Häuschen sitzt über dem Service & Information steht, hat es nicht so gerne, wenn wir ihm Fragen stellen. Denn dafür müssen wir die Tür öffnen und… Eh klar.
In der Zwischenzeit fährt die SBahn weiter, nachdem ein Notarzt die nackte Frau gerettet hat. Ohne mich. Und ohne eine Info. Trotz der Kälte brennt in mir eine Sicherung durch und ich wage mich, die Türe des Bahnmitarbeiterhäuschens zu öffnen. Ich frage den Bahnmenschen, welcher Teil von Service & Information ihm eigentlich eher liege. Ob er mal darüber nachgedacht hat, ob das denn der richtige Beruf für ihn sei. Er nuschelt etwas und schließt die Tür.
Nach ewigen 45 Minuten bei -10 Grad fährt dann der RE ein, der zu Anfang mit 10 Minuten Verspätung angekündigt worden war. Es ist schon verrückt, dass sobald die ICEs erstmal weg sind, die Bahn dann doch weiß, dass die Verspätung mehr als 20 Minuten beträgt. Mit aller Kraft versucht man das niedere Bahnvolk aus den Fernverkehrszügen rauszuhalten.
Das hatte auch nicht ganz so gut in Mannheim geklappt. Auch dort fuhr an einem besondes schneehaltigem Tag kaum ein Zug und als dann endlich ein ICE einfuhr der auch am Frankfurter Flughafen halten sollte, machte die Bahn die Ansage, dass der Zug für alle Passagiere freigegeben sei. Dass dann auch alle Passagiere einsteigen würden, damit hätte die Bahn ja nicht rechnen können. Der ICE war innerhalb weniger Minuten überfüllt mit Menschen, die ihren Anschlussflug nicht verpassen wollten. Es gab eine neue Ansage durch die Bahn, der Zug würde erst abfahren, wenn alle Passagiere ohne gültiges Ticket wieder ausgestiegen sind.
Der bis dahin pünktliche ICE fuhr mit 90 Minuten Verspätung ab. Auch so kann man sich Freunde machen.
