Kein Grund sich aufzuregen

Eigentlich weiß ich gar nicht mehr, was genau wir in Venlo wollten, wahrscheinlich bloß Zeit totschlagen und eine Pommes zu Mittag essen, oder einfach bloß dieses gute Volk nochmal aus der Nähe anschauen. Die Holländer sind wirklich gute Menschen.
Als wir in Dortmund in den Zug stiegen, stieg mit mir noch die Hoffnung ein, dass etwas passieren könnte, über das ich mich dann empörend aufregen könnte. Irgendwas, ich bin da gar nicht anspruchsvoll. Vielleicht ist das sowas wie ein Ventil, dass ich mich über die Bahn aufrege, damit ich meine unschuldigen Mitmenschen verschonen kann, aber eigentlich ist es doch anders rum, wenn man erstmal drin ist in diesem Aufregen, dann lässt das einen so schnell nicht los. Ich kann mich sehr gut über verschimmeltes Obst beim Lidl aufregen und ende nachher in einem Plädoyer für Pazifismus und über fehlende Moral in unserer Welt. Aber nichts, wirklich nichts, die Bahn fährt pünktlich ab, wir bekommen unseren Anschluss, kein Kontrolleur der unsere Zusatztickets in Frage stellen möchte, nein, wirklich überhaupt gar kein Kontrolleur.
Enttäuscht esse ich meine Pommes und eine Gulaschkrokett.

Ach, was soll ich sagen, die Rückfahrt fängt an wie die Hinfahrt endete, in einem trist geregeltem Ablauf, nicht einmal Schulkinder belästigen uns. Dann steigen Zivilpolizisten ein, aber wir sehen zu deutsch und zu gut bürgerlich aus, als dass sie uns kontrollieren möchten. In Gedanken gehe ich das Gespräch durch, wie ich mich dann aufgeregt hätte, wenn sie mich hätten kontrollieren wollen, immerhin bin ich Studentin, angehende Lehrerin, was sie sich denn denken, aber sie sehen mich ja nicht mal an. Auch das Umsteigen funktioniert wieder ohne Probleme, ich erzähle, wie böse ich geworden wäre, wenn das nicht geklappt hätte, dass man an dem Bahnhof in Viersen ja auch wirklich gar nichts machen kann um eine ganze Stunde zu überbrücken, und dass es wirklich ein Glück ist, dass sofort unser Zug kommt.

Und dann steigen wir ein und nicht einmal Flaschensammler stören uns, wobei, die stören ja eigentlich eh nicht, die sammeln ja bloß die Flaschen. Dann endlich kommt die erlösende Durchsage, der Zug muss umgeleitet werden weil wohl ganz Rheinhausen brennt oder zumindest der Teil, an dem unser Zug vorbei muss, und wir fahren jetzt über Düsseldorf, halten da aber nicht sondern erst wieder in Duisburg. Dann war ich aber doch zu müde um mich aufzuregen und für mich ergab sich auch kein Nachteil, ich wollte ja erst in Bochum aussteigen. Dann sagte der Schaffner das nochmal durch, damit wirklich alle Fahrgäste das auch mitbekommen un keine Missverständnisse aufkommen und dann ging es los. Zwei Frauen, die sicher auch schon den ein oder anderen Vaterschaftstest bei Britt haben machen lassen, waren ganz außer sich als sie mitbekamen, dass sie plötzlich in Düsseldorf waren. Dass man das ja nicht machen könne, dass sie nun gefangen seien und ob der Zug denn nochmal nach Duisburg zurück fahren würde oder ob sie jetzt bis nach Hamm fahren müssten und dass ihre Tickets soweit gar nicht gelten. Die 40€ für’s Schwarzfahren würden sie mit Sicherheit nicht bezahlen, soweit käme es ja noch. Panik ist viel ansteckender als Grippe und dann waren da die beiden 13-jährigen Jungs die gar nicht wussten, wo Hamm überhaupt ist und da sie eh keine Tickets hatten war das eigentlich nicht so schlimm, aber sie würden sicher zu spät nach Hause kommen. Die Frauen waren außer sich, gefangen in Hysterie malten sie sich die schlimmsten Horrorszenarien aus, wie es erstmal wäre wenn sie dann in Hamm seien. Dann fragte ich mich, wie man sich nur so aufregen kann und dass ihnen die Dummheit schier ins Gesicht gemeißelt ist. Der Spaß wurde mir aber schnell zunichte gemacht, als eine weitere Mitmenschin den beiden erklärte, dass es nicht nur die eine Zugschiene gibt, die nach Duisburg fährt, dass man auch von der anderen Seite dorthin kommt zum Beispiel. Kurz zweifelten die beiden, dann aber glaubten sie es doch, vielleicht auch, weil der Zug dann in Duisburg einfuhr. 36 Minuten Verspätung, alles in allem aber wirklich kein Grund sich aufzuregen, leider.

Und ach ja, wie wir so über Düsseldorf umgeleitet wurden, brannte auch was, aber wohl nur eine Lagerhalle und zu weit weg, das kann mit ganz Rheinhausen in Flammen natürlich nicht mithalten.

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