Hallo ihr Lieben, seid nett zueinander.

Wenn ich in Dortmund zur Metro laufe in Richtung Borsigplatz, muss ich über eine kleine Brücke rüber. An der Mauer dieser kleinen Brücke steht in riesigen Buchstaben ‘Hallo ihr Lieben, seid nett zueinander’. Die ersten male lächelte ich über diese naiv-fromme Bitte, jetzt möchte ich sie aber mit viel Ernsthaftigkeit propagieren.

Dieses Jahr kam ich oft tagelang nicht dazu Nachrichten zu lesen oder zu sehen, es war fast erleichternd. Leider ist es sozial nicht verträglich ein Leben innerhalb einer Käseglocke zu verbringen und nur weil ich keine Nachrichten lese, passieren Dinge trotzdem.

Ich starre auf die aktuellen Bilder aus Kriegsgebieten und ich kann es nicht glauben. Zerfetzte Kinderkörper. Lest das nicht nur, stellt es euch vor.

Es ist fast 2013, wir sind technisch auf einem für mich unvorstellbaren Stand und moralisch scheinen wir zu verkümmern. Ich weiß schon, ihr seid ja nicht schuld am Krieg. Aber!

Atmet öfter mal tief durch, statt einen gemeinen Kommentar zu sagen oder schreiben. Die Rentnerin an der Kasse vor euch ist vermutlich auch jemandens Oma. Und wenn wir mal alt sind, werden sie uns auch die Zeit geben müssen, die wir brauchen. Die Bloggerin, die ein Buch schreibt, dass dir nicht gefällt? Mich interessiert weder das Buch noch dein boshafter Kommentar dazu. Ein Promi stirbt und dir fällt ein witziger Kommentar dazu ein? Behalte ihn für dich. Es ist im Internet nicht unwahrscheinlich, dass einer seiner Freunde das lesen muss. Oder seine Eltern. Auch Witze über Äußerlichkeiten sind ein Armutszeugnis.

Neulich ergab es sich, dass ich mit vier Schülerinnen über eine Schlägerei sprach, an der eine der anwesenden schuld war. Zurecht, wie sie fand, das andere Mädchen hatte ihre Mutter beleidigt. Sie wollte mich und mein Hauptargument, dass ich ihre gewalttätige Antwort ausschließlich als dumm bezeichnen kann, ausbremsen indem sie sagte, dass sich ja wohl jeder Mensch schon mal geschlagen hat. Die anderen Mädchen nickten. Das ist das eigentlich Fassungslose, dass die Mädchen sich sicher waren, dass Gewalt auf die ein oder andere Weise zum Leben dazugehört. Damit kann und will ich mich nicht abfinden.

In Zeiten von Castingshows die ihre Unterhaltsamkeit aus den Unzulänglichkeiten ihrer Teilnehmer ziehen, ist es vielleicht kein Wunder, dass wir so verkommen. Natürlich gehört Lästern zur Gruppenbildung, es ist aber lange keine Rechfertigung gemein zu werden. Unsere Sprache enthält viel Gewalt, ohne dass sich die meisten darüber bewusst sind. Das krasseste Beispiel ist für mich immer noch vermeintlich gebildete Menschen, die ein “Geh sterben!” vor Wut oder was auch immer hervorbringen. Ohne Worte. (Linguistisch gesehen gibt es bessere Beispiele. Denkt einfach mal darüber nach, für was alles wir das Wort ‘Kampf’ verwenden, auch für positiv belegte Dinge, was ja eigentlich einen Widerspruch darstellen müsste.) Es ist jedenfalls nicht nötig, noch mehr Gewalt in unsere Sprache zu bringen.

Was ich sagen will: manchmal ist es egal, ob man Schläge verteilt oder Gemeinheiten, beides wirft uns menschlich zurück. Es ist so einfach nett zu sein, sogar zu dicken, alten, humorlosen und Leggings-tragenden Menschen. Das wäre doch ein schöner Vorsatz für 2013.

Disclaimer: ja, ich schreibe das auch für mich.

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3 Antworten zu Hallo ihr Lieben, seid nett zueinander.

  1. diskostu schreibt:

    Schön! Habe mit dem Edding meinen Monitor vollgekritzelt und unterschrieben.
    Nebenbei, hast du mal mit dem Gedanken gespielt, eine journalistische Laufbahn einzuschlagen?

  2. payoli schreibt:

    Wunderbar, Dein ‘Aufruf’! Danke!
    Und die reine Wahrheit! Denn wir haben nur dieses Leben und das will in jeder Sekunde bestmöglich gelebt und genossen werden. Das geht aber nur gemeinsam. Glück und Zufriedenheit auf Kosten anderer gibt es nicht wirklich bzw. nur kurzfristig.
    In diesem Sinne: Alles Liebe und paradise your life und 2013

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